Intelligenz der Wissenschaft und Wissenschaft der Intelligenz
Dr. Anne Marmenout, PhD in Molekularbiologie, als Postdoc jahrelange Forschungsarbeit
in international bekannten Biotechfirmen, lehrt z.Zt. an einem belgischen Kolleg.
Schauen wir uns um: Ohne Wissenschaft und Technologie gäbe es weder unsere
Kleidung noch die Baumaterialien des Zimmers, noch die Hintergrundmusik, die
wir vielleicht gerade hören.
Wo Wissenschaft und Technologie die Gesellschaft beherrschen, muss die Naturwissenschaft
im Bildungswesen dominieren. Jede Kultur ist natürlicherweise bestrebt,
ihr Erbe an die nächste Generation weiterzugeben, und so überrascht
es nicht, dass gegenwärtig der naturwissenschaftliche Unterricht ein Thema
der politischen, meist ökonomisch motivierten Diskussion ist.
Heutzutage wird ein wissenschaftlich erzogener Geist gleichgesetzt mit Qualitäten
wie Beobachtungsgabe, mit der Fähigkeit, zu vergleichen und zu analysieren,
akkurat zu wiederholen, logisch schlusszufolgern, strategische Probleme zu lösen.
Im frühen zwanzigsten Jahrhundert entwickelten Psychologen Tests, um diese
bestimmten Qualitäten zu quantifizieren und zu messen. Bald darauf wurde
bei Schulkindern mit sogenannten IQ-Tests der Intelligenzquotient bestimmt.
Heute werden Computer zur Entwicklung und Auswertung der Intelligenztests eingesetzt.
Aber kann der Computer als Modell und Maßstab für Intelligenz herangezogen
werden? Keiner von uns möchte seine Intelligenz mit der des Computers vergleichen
lassen, auch wenn die meisten die Kapazität und Bequemlichkeit des Computers
hoch schätzen. Instinktiv wissen wir alle, dass mehr hinter dem Menschsein
und der menschlichen Intelligenz steckt, als ein Computer zu bieten hat.
Vor
nur 5 Jahren machte Daniel Goleman das Konzept der emotionalen Intelligenz der
breiten Öffentlichkeit bekannt, als Fähigkeit, eigene und fremde Gefühle
bewusst wahrzunehmen. Von unserer emotionalen Intelligenz hängen die Qualität
unseres Mitleids und unserer Einfühlung ab und unsere Fähigkeit, mit
Schmerz und Lust angemessen umzugehen. Je höher die emotionale Intelligenz
einer Person einzuschätzen ist, desto weniger anfällig erscheint sie
für schädigende Emotionen, wie Ärger, Neid,
Eifersucht u.ä..
Ich möchte die Fähigkeit der emotionalen Intelligenz nicht auf den
Menschen beschränken, sondern sie allen Lebensformen zuschreiben, auch
tierischem und pflanzlichem Leben. Der Begriff Seelenintelligenz scheint angebrachter,
wenn wir von der Tatsache ausgehen, dass unsere Lebensgefühle und -empfindungen
mehr eine Seelen- als eine rationale Bewusstseinsangelegenheit sind.
Der IQ passt zum Determinismus, für den Licht und Elementarteilchen ENTWEDER
Welle ODER Partikel sind. Seelenintelligenz erinnert uns an die Quantenwelten,
wo Licht und Elementarteilchen Welle UND Partikel sein können.
IQ denkt, Seelenintelligenz empfindet und fühlt. IQ wird von bewusster
Analyse und Unterscheidung bestimmt, von ENTWEDER/ODER-Prozessen, die nur bewusst
Realisiertes berücksichtigen. Seelenintelligenz ist ein unterbewusster
UND/UND-Prozess, der alles berücksichtigt, auch die vielen uns zumeist
unbewussten Signale, die das Gehirn vom Körpergeschehen in jeder Sekunde
registriert.
IQ
wiederholt, weitet aus und vergrößert. Seelenintelligenz sucht Harmonie
und Gleichgewicht und wird wach, wenn etwas aus der Balance ist. IQ wird sich
an die Formel halten, komme was wolle, während die Seelenintelligenz Sitz
des Gewissens ist.
IQ ist schlussfolgernd, Seelenintelligenz ist hellsichtig – sie weiß.
Wenn ein Meteorologe das Wetter mit Hilfe von Statistiken vorhersagt, ist IQ
am Werk. Wenn ein Bauer auf dem Feld das Wetter vorhersagt, ist Seelenintelligenz
am Werk. Bei einem Kriminalbeamten, der einen Fall logisch zu lösen versucht,
arbeitet der IQ. Eine Polizeikraft, die einen Hellseher bemüht, um die
Rätsel zu lösen, versucht Seelenintelligenz ins Spiel zu bringen.
Folgendes erscheint interessant: Für rationales Analysieren und Vergleichen,
z.B. zum Lösen eines algebraischen Problems, müssen alle Daten zur
Hand sein, das heißt, bewusst sein, während die Seelenintelligenz
dies nicht nötig hat. Von einem Gesicht braucht nur ein Teil sichtbar zu
sein und sie kann es erkennen. Im Gegensatz zum IQ kann Seelenintelligenz mit
Unsicherheiten umgehen.
Parallel verarbeitende Computer, eine neue Entwicklung der Computertechnologie,
verfügen über einen niedrigen Grad von Seelenintelligenz: Sie können
zum Beispiel auf tausenderlei Weise handgeschriebene Postleitzahlen erkennen,
und bei der Arbeit lernen sie dazu und bringen sich selbst auf den neuesten
Stand. Seriell verarbeitende Computer können das nicht. Man kann sie höchstens
mit neuer Software versorgen. Der IQ verlässt sich auf Kenntnisse der Vergangenheit,
Seelenintelligenz operiert im Jetzt.
Allerdings
sind trotz aller Differenzen rationale Intelligenz (IQ) und Seelen- oder emotionale
Intelligenz (EQ) voneinander abhängig: In sich geschlossen, operieren beide
innerhalb des Bestehenden, des fest Etablierten. Sie beschäftigen sich
nicht mit dem Warum von Regeln, Formeln, Situationen und Störungen eines
Gleichgewichtes. Und sie beschäftigen sich nicht mit der Frage, ob die
Dinge anders angegangen werden könnten.
Um also wirklich kreativ sein zu können, braucht es eine weitere Intelligenz.
Es braucht spirituelle Intelligenz, ein Begriff, der zuerst von Danah Zohar
und Ian Marshall eingeführt wurde. Nur spirituelle Intelligenz kann eine
Situation umgestalten, sodass sie sich über den allgemeinen Trend erhebt
und neue Wahrnehmung und Offenbarung eröffnet. Spirituelle Intellgenz wird
von dem Trieb geboren, die Grenzen unserer gegenwärtigen Erkenntnis auszudehnen
und in das (noch) Unbekannte vorzustoßen.
Leonardo da Vinci z.B. war ohne Zweifel mit hoher spiritueller Intelligenz
begabt, als er Kunst und Wissenschaft neue Dimensionen eröffnete. So auch
Mozart und Beethoven, Galilei und Newton, Mendelejew und Einstein, um einige
wenige zu nennen. Nach Jahren der Forschung und Arbeit erblickte Mendelejew
plötzlich im Traum das Periodensystem, das Tor zur modernen Chemie. Einstein,
der als fauler und mittelmäßiger Schüler angesehen wurde, war
so dreist, wichtige zeitgenössische physikalische Paradigmen in Frage zu
stellen, und so veränderte er nachhaltig unser Weltbild mit seiner Relativitätstheorie.
All diese Leute wurden von einer Idee verfolgt, von einem Verlangen, das sie
weiterdrängte, alle gepackt von der Suche nach ihrem persönlichen
heiligen Gral. Dieser Antrieb lebte in Musikern wie Mozart und Beethoven, in
Schriftstellern wie William Shakespeare. Sie wollten etwas in die Welt bringen,
das zuvor nicht gehört oder gelesen war, indem sie in eine Welt des Ungehörten
und Ungesehenen vorstießen.
Einige
dieser Genies waren als schwierige Leute berüchtigt. Wahrscheinlich fehlte
ihnen die nötige Seelenintelligenz, die sie in Harmonie bleiben ließ,
denn wenige Menschen werden alle drei Intelligenzformen gleichstark entwickelt
haben.
Diese Einsichten in Natur und Reichweite unserer Intelligenz zwingen uns, die
gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Bildungskonzepte und Ausleseverfahren
neu zu bewerten: Diese sind IQ-orientiert. Der so hochgepriesene hohe IQ garantiert
eben nicht einen guten Wissenschaftler. Allerdings kann sich eine Person geringer
Seelenintelligenz sehr wohl in einen unmoralischen Wissenschaftler verwandeln.
Fehlt die spirituelle Intelligenz wird der Wissenschaftler kaum Neues entdecken.
Menschen mit EQ- oder SQ-Tendenz werden heute besonders in der naturwissenschaftlichen
Erziehung oft im Regen stehengelassen, obwohl sie signifikante Beiträge
zu den Wissenschaften leisten könnten. Die IQ-Orientierung des Erziehungssystems
ruft nach stereotypen Antworten, der EQ jedoch liefert die pragmatischen und
der SQ die völlig unvorhersagbaren Antworten.
Es ist von öffentlichem und privatem Interesse, dass sich in einer wissenschaftsbeherrschten
Welt im Lichte dieser neuen Einsichten das naturwissenschaftliche Bildungssystem
um Neuformierung bemüht. Die Wissenschaftspädagogik sollte neue Methoden
entwickeln, die alle menschlichen Intelligenzaspekte berücksichtigen und
stimulieren. Keine leichte Aufgabe, aber eineAufgabe, für welche sich die
Autorin dieses Artikels einsetzen möchte.
Dr. Anne Marmenout, Belgien
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