TOPAZ 3. Ausgabe 2002
Willkommen
Was verstehen wir unter 'Template'
Template Foundation Dance Team
Das Theater Japans
Leben in Zeiten der Veränderung
Filmbesprechung
Interview mit einem deutschen Komponisten
Umgang mit Krisensituationen
Ein Zeichen der Unterstützung für die Menschen in Amerika
Ein neues Buch
Neue Wege in der Krebsforschung
Kunst und Design

Das Theater Japans

Auszug aus „The Passion of Life – Essays on art, dance and theatre“ von John Turner.
John Turner erörtert in seinem Buch in einer weltgeschichtlichen Betrachtung tiefer liegende Ursachen von Kunst, Tanz und Theater. Dem Abschnitt über Theaterkunst verschiedener Kulturen sind die folgenden Ausführungen über das japanische Theater entnommen.

„Den Tanz will ich tanzen, der die Türme des Mondes kreiseln lässt.“

Das No-Theater hatte seine Blütezeit im 14. Jahrhundert. Es begann einige Jahrhunderte früher in den heiligen Tempeln und Höfen Altjapans. ‚No’ heißt übersetzt ‚Vollendung’. Die hochentwickelte Kunst der No-Spieler will weniger unterhaltsame Geschichten erzählen. Unsichtbare Einflüsse und Zusammenhänge sollen in Bildern eingefangen und dargestellt werden durch schöne und exakte Mimik, Tanz, Musik und Gesang. Die Spieler betreten den Spielraum zeremoniell über die alte Hashi-gakari, eine Brücke, um die Reise von den geistigen in die materiellen Welten darzustellen. Entlang dieser Brücke stehen drei Kiefern als natürliche energetische Elemente, welche störende Energien und Schwingungen in der Umgebung absorbieren und isolieren sollen.

 Das japanische Theater ist ein Theater der Sparsamkeit, der Genauigkeit und der funktionalen Reaktion, exakten Anforderungen entsprechend. Die Bewegungen sind präzise, knapp, zierlich und machtvoll, jede Geste ist ein Bild, jede Haltung eine Aussage, jede Bewegung eine ganze Geschichte. Äußere Ordnung und Disziplin beherrschen das Theater, eine tiefe Leidenschaft ist dabei spürbar, aber bleibt im Innern verborgen und wird ganz spezifisch nur für wenige Momente freigesetzt. Es entsteht dabei eine Atmosphäre, wie sie die Energie und Schwingung der Farbe Rot erzeugt.

Wir sind heute eingetaucht in Reizüberflutung, Meinungsvielfalt, Lärm und Masse und fällen unsere Urteile und Entscheidungen auf diesem Hintergrund, der alles moderne Leben durchdringt.
Unaufhörlich sind wir Geräuschen ausgesetzt, werden wir mit Eindrücken bombardiert, dauernd sind wir in Bewegung, und Pausen gönnen wir uns kaum. Gedanken schießen wie Luftschlangen durch unsere Sinne, und Sinneseindrücke, die auf uns einstürmen, sind so schnell und unterschiedlich, dass sie unser ganzheitliches Gleichgewicht betäuben und erschöpfen. Momente der Stille sind für viele rar geworden, ebenso innerer Ausgleich und Frieden.

Wir können uns also nur schwer eine Welt und eine Zeit vorstellen, wo ein Ton oder ein Klang minutenlang quasi in der Luft stehen, oder wo die Vibration eines Klanges jede Zelle des Zuhörers durchdringt; wo eine einzige Bewegung, in der besonderen Atmosphäre dieses Theaters, dem Zuschauer ein Gefühl, eine Ahnung oder sogar ein spontanes intuitives Wissen vermitteln kann. Oder wie ein Gedanke, der zu einer exakten Bewegung erstarrt, die Wallungen der Zuschauer wieder abkühlen lässt. Durch eine winzige Geste mit der rechten Hand wird der nächste Moment schon fast vorweggenommen, wie eine Welle durchfließt es dann die Zuschauer, die so eingestimmt werden für den nächsten Akt oder Augenblick.

* Anmerkung: Beim Studium der Tanz-Bewegungen nach rechts und nach links muss man die Funktion der beiden Gehirnhälften in Betracht ziehen, wobei die Bewegung nach links von der rechten Gehirnhälfte gesteuert wird und umgekehrt.

Unsere rechte Gehirnhälfte ist mehr kreativ, künstlerisch und feminin veranlagt und betrachtet die Dinge mehr im Allgemeinen, während die linke Seite mehr logisch, rational, akademisch, maskulin und hart arbeitet und Dinge gerne definiert.
Japanische Musik sucht ein Kontinuum zu schaffen, wobei die Schlaginstrumente das Gehirn ansprechen, während die Flöte mit der ihr innewohnenden sehnsüchtigen Natur die Seele erreichen will.

Ein Tanz nach rechts hatte in dieser Zeit und Atmosphäre einen anderen Effekt als ein Tanz nach links* (siehe Anmerkung). Die Tänze wurden von Generation zu Generation weitergegeben, die Wurzeln und Motive des Spiels wurden allerdings vergessen. Daher wurde das Theater, das einst von besonders ausgebildeten Darstellern spontan und lebendig aufgeführt wurde, im Laufe der Zeit immer mehr formal und zeremoniel.

Bugaku ist eine der Tanzformen, die über viele Generationen überliefert und heute noch praktiziert wird, ein maskierter Tanz, der ursprünglich an den Höfen und Tempeln aufgeführt wurde. Es gibt zwei Arten von Tänzen, Tänze der Rechten, bei denen die Tänzer vornehmlich grün gekleidet sind und die Musik hauptsächlich auf Schlaginstrumenten ausgeführt wird, und Tänze der Linken, bei denen sich die Tänzer in Rot kleiden und die Musik Holzblasinstrumente einsetzt. Wäre es nicht auch denkbar, dass die Tänze der Rechten mit der Vorbereitung auf die Zukunft zu tun haben, während die Tänze der Linken Vergangenes heraufbeschwören oder die Gegenwart zum Ausdruck bringen wollen?

Die ursprüngliche Bedeutung dieser zweigeteilten Tanzform erschließt sich vielleicht mehr, wenn wir die Bedeutung von Farben, Symbolik und Elektromagnetismus zu erfassen versuchen. Hierbei repräsentieren Rot und Grün wie bei unseren Verkehrsampeln zwei Arten der Bereitschaft dem Leben gegenüber zu reagieren und zu handeln: Grün ist voller Leben, Befreiung, Fruchtbarkeit, Spontaneität und Nachdruck. Rot ist bemessen, vorsichtig, stabilisierend und regulierend.
In früheren Zeiten übersetzte sich die Dualität, die sich durchs gesamte Welttheater zieht, vielleicht durch diese beiden Farben. Zu anderen Zeiten tritt diese Dualität vielleicht mehr als energetischer Unterschied zwischen Silber und Gold auf, was sich auch in den unterschiedlichen Naturen der rechten und linken Hand des Menschen zeigt.

Ganz ähnlich produzieren japanische Schlaginstrumente eine lebendige Abfolge exakter, unterschiedlicher Klänge, wohingegen die Holzblasinstrumente ein sich fließend änderndes Kontinuum erzeugen, wie Meereswellen. Hier drückt sich der Unterschied aus zwischen körnig und viskös, elektrisch und magnetisch, kühlend und wärmend, lösend und bindend.
Dies ist das duale Gesetz, mit dem unsere Erde in Resonanz ist, wenn sie zwischen Tag und Nacht, Winter und Sommer, heiß und kalt wechselt. Kein Theater, keine Kunst auf diesem Planeten kann sich diesem Dualismus entziehen.

Im 14. Jahrhundert, als Bildung weltweit blühte, als sich Intellekt und Spiritualität befreiten und weiterentwickelten, wurden die Bugaku-Tänze ins No-Theater integriert. Wie anderswo nahm das Theater in Japan eine Bildungsrolle an, arbeitete sich aus den Tempeln und religiösen Orten heraus auf die Straßen und Märkte.

 No-Theater ist die Kunst des Einfachen, der Feinheit und Finesse, der Anregung und sanften Anmut (yugen). Es ruft Zustände und Atmosphären hervor und fordert die Zuschauer zu einem Besuch in einer Welt auf, wo eine simple, das Innere des Menschen berührende Botschaft ansteckend sein kann wie ein Virus.

Interessant ist auch, dass es niemals Proben für ein No-Drama gibt. Jeder Schauspieler kennt seine Rolle und den Gesamtablauf vollkommen, und doch ist jede Aufführung „live“, den feinen Einflüssen des Tages und den Umständen von Ort und Zeit ausgesetzt.

Die verschwenderischen und schönen Gewänder des No-Theaters waren komplizierte und präzise Handarbeiten und wurden nach Gebrauch aufgetrennt, auseinandergenommen und das Material wurde in feinen Lackkästen verwahrt. Der Grund dafür ist in dem Satz ausgedrückt::

‚Wir fangen mit nichts an und hören auf mit nichts’

John Turner studierte am „The Drama Centre“ in London. Seit über 20 Jahren gibt er seine Erfahrungen und sein Wissen international weiter in Vorlesungen und Workshops.

Copyright © 2001-2014 Topaz Verein, 57639 Udert/Rodenbach. Alle Rechte vorbehalten.