Hoffnungsträgerinnen des Frauseins
In der letzten Topaz-Ausgabe stellten wir Feminenza vor - ein internationales
Netzwerk von und für Frauen. Diesmal sprachen wir mit Nibs Bloem und Marion
Verweij aus den Niederlanden. Beide engagieren sich bei Feminenza. Marion Verweij
wird in Kürze ein Buch mit dem Titel „Beacons of Hope“ (Hoffnungsträgerinnen)
veröffentlichen. Es handelt von Frauen, die versuchen, die trostlose Lage
vieler Geschlechtsgenossinnen rund um den Erdball zu erleichtern.
Topaz: Warum engagieren Sie sich bei Feminenza, und was an Feminenza
ist für Sie wichtig?
Marion Verweij: Ich erlebe es mehr und mehr, und es bedrückt mich, dass
von Jahr zu Jahr viele Menschen im Umgang miteinander die Menschlichkeit vergessen.
Auch deshalb interessiert mich die Frage, was es eigentlich bedeutet, Mensch
zu sein, insbesondere, was unser weibliches Menschsein, Frausein bedeutet und
als Potential beinhaltet.
Nibs Bloem: Ich bin jetzt 61. Wenn ich zurückblicke weiß ich, dass
ich schon als Kind gespürt habe und wusste, dass irgendetwas mit der Rolle
der Frauen nicht stimmte. Bei Feminenza faszinierte mich die Suche nach Antworten
auf Fragen wie: „Worum geht es beim Frausein, was heißt das eigentlich,
und worin unterscheidet es sich vom Mannsein? Hat Frausein z.B. ein eigenes,
besonderes Leitmotiv? Gibt es einen frauenspezifischen Weg, spezifisch weibliche
Entwicklungsstufen im Leben?“
Topaz: Was hat Sie motiviert, sich mit dem Frauenbild auseinanderzusetzen?
Nibs Bloem: In den meisten Weltreligionen werden Frauen irgendwie für „sündhaft”
gehalten, was natürlich weitreichende Auswirkungen hatte und immer noch
hat. Will man etwas am gegenwärtigen Zustand ändern, begegnet man
meist gleich am Anfang dieser Einstellung.
Marion Verweij: Da fragt man sich dann doch, woher kommt diese Vorstellung
eigentlich? Denn in der ganzen Welt sind ja so viele Frauen davon betroffen.
Ich versuche einen kleinen Beitrag zu leisten, ihnen zu helfen.
Nibs Bloem: Manchmal liest man Lebensbeschreibungen von Frauen und stellt dabei
fest, dass diese Frauen so stark, ausgeglichen und reif waren, dass sie einen
wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten konnten, zum Beispiel die
Amerikanerin Helen Keller, Florence Nightingale in England oder die holländische
Jüdin Etty Hillesum, die beeindruckende Tagebücher hinterlassen hat.
Es gibt viele Frauen, die ihren eigenen Weg gegangen sind und gezeigt haben,
dass sie trotz der Situation der Welt oder ungeachtet dessen, was man über
sie dachte, etwas bewirken konnten. Teil meiner Absicht ist es, mich mit solchen
Frauen zu beschäftigen, denn sie haben nicht immer im Licht der Öffentlichkeit
gestanden - mit Frauen, die eine Vision hatten, die sie beflügelt hat und
für die sie sich eingesetzt haben. Es inspiriert mich, dass in der Welt
etwas besser geworden ist, weil diese Frauen gelebt haben.
Nibs hat sich mit dem Leben von Etty Hillesum befasst, während
Marion mehr über Frauen in anderen Ländern in Erfahrung gebracht hat.
Topaz: Können Sie uns mehr darüber erzählen?
Marion Verweij: Ich wollte am Anfang mehr über die Lage von Frauen herausfinden,
die nicht in einem so günstigen Umfeld wie wir in den Niederlanden leben.
Da entdeckt man doch ziemlich Schreckliches. Ich kam mit Frauen in Kontakt,
die alle versuchen, etwas dagegen zu unternehmen, daher der Titel meines Buches
„Hoffnungsträgerinnen”. Ihre Lage ist zwar ziemlich trostlos,
und dennoch versuchen sie, etwas daran zu ändern. Ich korrespondiere zum
Beispiel mit einer Frau namens Agnes in Kenia. Sie ist ungeheuer stark, sie
hat eine Herberge und eine Schule für Mädchen gegründet, die
sonst auf der Straße leben müssten, weil sie sich geweigert haben,
beschnitten und verheiratet zu werden. Agnes verhilft ihnen zu einer schulischen
Ausbildung, damit sie später für sich selbst sorgen können. Ich
finde das ungeheuer mutig. Und wenn ich ein Buch schreiben und ihr etwas Geld
schicken kann, so ist das meine Art, ihr zu sagen: „Was Du tust, finde
ich fantastisch.”... Mir sind viele Frauen begegnet, die sich auf ähnliche
Weise engagieren.
Topaz: Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, über Frauen zu
schreiben, die etwas gegen ihre schlechten Lebensbedingungen unternehmen?
Marion Verweij: Die Lage vieler Frauen ist, wenn man sie näher ansieht,
ziemlich düster. Ich wollte zum Beispiel wissen, wie viele Mädchen
jedes Jahr beschnitten werden, und nach einer Statistik der Vereinten Nationen
sind es zwei Millionen junge Frauen pro Jahr, mit anderen Worten 6.000 jeden
Tag. Ich konnte diese Antwort zuerst gar nicht fassen. Und doch gibt es Frauen
wie Agnes in Kenia, die an etwas glauben und versuchen, ein Zeichen zu setzen.
Was hilft ihnen, immer weiterzumachen? Was gibt ihnen die Kraft? Kann ich sie
irgendwie in ihrer Arbeit bestärken? Denn das Feminenza Netzwerk ist für
alle Frauen in der Welt da. Es gibt viele Frauen wie sie, die nichts sehnlicher
wünschen als ihre Lage zu verbessern. Über diese Frauen wollte ich
mehr wissen.
Nibs Bloem: Dadurch haben wir uns auch kennengelernt. Obwohl mein Ausgangspunkt
ein ganz anderer ist, ist die Absicht die gleiche: Ein Netzwerk zu schaffen
und zu fördern, das Frauen in der Welt verbinden kann und in dem die Qualitäten
einer Etty Hillesum, einer Maya Angelou, von Agnes und allen anderen Frauen,
die in ihrem Leben etwas bewirkt haben, lebendig sind. Dieses Netzwerk gründet
sich auf Qualitäten, aus denen jeder Kraft schöpfen kann. Die schwarze
Amerikanerin Maya Angelou, die auch verschiedene Bücher geschrieben hat,
ist sehr beeindruckend. Bedenken Sie nur, wo sie herkam und wie sie sich aus
ihrer Lage befreit hat. Auf die Frage, woher sie ihr Selbstvertrauen nehme,
antwortete sie: „Wenn ich einen Raum betrete, dann ist es so, dass 2.000
Frauen gleichzeitig mit mir eintreten.” Sie hat alle Kraft dieser Frauen
verinnerlicht und hinter sich, und bringt sie in ihrer Erscheinung zum Ausdruck.
Und das ist es, was wir für die Frauen in aller Welt tun können, nämlich
sicherstellen, das es ein Verbindungsnetz gibt, sozusagen ein Internet voller
Kraft und Qualitäten, das man anzapfen kann, um daraus Kraft und Mut zu
schöpfen.
Marion Verweij: Als ich das erste Mal ein Rede zu diesem Thema gehalten habe,
hatte ich eine ähnliche Erfahrung. Ich fühlte so viel Kraft. Ich war
mir sehr bewusst, warum ich die Rede hielt, und ich fühlte, da war mehr
als nur ich allein. Mein Engagement bei Feminenza macht mir Freude und Spaß,
und sie scheint mir zu liegen.
Topaz: Was bringt Ihnen diese Arbeit persönlich?
Marion Verweij: Ich fühle, dass etwas Tiefes in mir angesprochen wurde,
und dieses Etwas inspiriert und motiviert mich. Wenn jemand mir heute eine Frage
stellt, kann meine Antwort manchmal recht lange dauern. Es ist, als wenn bestimmte
Dinge ausgesprochen werden wollen. Und das passiert immer wieder so. Was diese
und viele andere Frauen leisten, erscheint mir riesig. Aber ich bin überzeugt,
dass ich auf meine Art etwas beitragen kann, etwas, das ich tun kann. Sogar
manche meiner bisherigen Sorgen treten da oft in den Hintergrund, weil da jetzt
etwas Wichtigeres ist, das mir sehr am Herzen liegt.
Nibs Bloem: Ich bin während des Krieges geboren, und als kleines Kind rührte
mich das Schicksal der Juden. Ich glaube, dadurch, dass ich zum Beispiel das
Leben von Etty Hillesum näher beleuchte, kann ich wieder etwas mehr Respekt
für Leben, dem so übel mitgespielt wurde, in die Welt bringen. Ich
lese oft ihre Tagebücher und denke darüber nach, wie ich selbst in
dieser oder jener Situation gehandelt hätte. Ich finde so viel Integrität
und Klarheit darin, und wenn ich diese Qualitäten auch in mir wecken und
stärke und sie vielleicht auch anderen vermitteln kann, wer weiß,
was das im Kleinen bewirken kann. Etty hinterfragte kritisch ihr eigenes Verhalten
und scheute sich nicht, ihre eigenen Unzulänglichkeiten anzunehmen und
an sich zu arbeiten. Ich denke, dass man im Leben genau das tun muss, man sollte
die Dinge, die man nicht für richtig hält, selbst unterlassen. Nur
dann hören sie auf. Ich weiß, das ist gar nicht so einfach, - aber
sei‘s drum. Denn wir können bestimmte Dinge unterlassen und andere
in die Welt bringen und fördern. Die Entscheidung liegt bei jedem selbst.
Interview: Gerda van Schaik
Für mehr info besuchen Sie www.feminenza.org.
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