Menschlichkeit
Die meisten Menschen kämpfen in ihrem Leben dafür, das „größte
Stück vom Kuchen” zu bekommen. Es gibt andere, die davon nichts wissen
wollen. Die sich vielmehr für die „Rosinen im Kuchen” interessieren:
Diese kleinen, aber kostbaren, feinen Momente im Leben. Kurze Momente, die in
der Tiefe der Erinnerung verlorengehen, wenn wir nicht sehr genau auf sie achten.
Manchmal begegnen uns Menschen, die uns durch ihr Denken, ihre Taten, ihre Außergewöhnlichkeit
tief beeindrucken. Solche Begegnungen sind ein starker Kontrast zu den alltäglichen
Berichten der Medien über Unfälle, Skandale, Verbrechen, Morde etc.
Topaz möchte an dieser Stelle über einen Mann, einen
Held des Alltags, berichten, der sein ganzes Geschick und seine Erfindungsgabe
dafür einsetzt, Mitmenschen zu helfen. Wahrscheinlich ist jeder einmal
in seinem Leben Menschen begegnet, die ihn auf ungewöhnliche Weise berührt
haben, vielleicht durch unerwartete Freundlichkeit, durch Mitgefühl oder
durch große Menschlichkeit. Von einem solchen Menschen möchte ich
jetzt erzählen, von Johannes van Heuvel, einem 73-jährigen Holländer,
der im Westen der Niederlande wohnt.
Johannes ist ein tüchtiger und talentierter Handwerker mit geschickten
Händen und einer gehörigen Portion Pragmatismus. Sein ganzes Leben
lang hat er seine Begabungen in schlichter und einfacher Weise eingesetzt, und
viele Menschen, die mit ihm in Berührung kamen, empfanden ihn und seine
Taten als ein Geschenk. Das ist begründet in seiner Lebenseinstellung,
in den Beweggründen für sein Handeln. Johannes steht auf dem Standpunkt,
dass er mit seinen Fähigkeiten das Leben seiner Mitmenschen leichter machen,
ihren Stress verringern kann, und darum stellte er schon früh in seinem
Leben seine Talente in den Dienst seiner Mitmenschen.
Vor kurzem hatte ich das Glück, von ihm selbst seine Geschichte zu hören.
Ich hatte Johannes schon ein paar Mal getroffen, nun ergab sich während
einer geselligen Veranstaltung zum ersten Mal die Gelegenheit, miteinander zu
reden. Ich war an die Bar gegangen, und während ich auf meine Bestellung
wartete, drehte ich mich nach rechts um und sah Johannes, einen älteren
Mann mit scharfen, leuchtenden Augen, einem schmalen, kantigen Gesicht, graubraunen
Haaren und buschigen Augenbrauen. Er nickte mir freundlich zu. Als ich zurücknickte,
bemerkte ich, dass die Brille, die er trug, repariert war. Das linke Glas war
nah am Rahmen gebrochen und mit beachtlicher Sorgfalt und viel Geschick wieder
zusammengefügt worden. Er sah meinen Blick und erklärte mir, dass
er es zu schade gefunden hätte, die Brille wegzuwerfen, da der Rest ja
nicht beschädigt war. Darum habe er sie repariert.
So kamen wir ins Gespräch, und im Laufe unserer Unterhaltung erfuhr ich
ein wenig von seiner Lebensgeschichte. Johannes begann, über seine Liebe
zur Handarbeit und über seine Fähigkeit zu erfinden und zu erschaffen
zu sprechen. Schon als Sechsjähriger wusste er, dass er am liebsten Dinge
herstellen wollte. Das hat er dann auch sein Leben lang erfolgreich getan. Jetzt
wird er bald 74 Jahre alt. Seinen Lebensunterhalt hat er sich mit dem Entwerfen
von Stühlen und anderen Haushaltsgegenständen verdient.
Johannes ist zweifellos ein findiger Mann: „Ich versuche, sparsam und
ökonomisch mit dem umzugehen, was uns die Erde zur Verfügung stellt“.
Er besitzt eine echte Hochachtung für die Reichtümer der Erde und
für die Zeitspanne, die nötig war, diese entstehen zu lassen. So respektiert
er auch die Arbeit, die sich Menschen gemacht haben, die Zeit und die Sorgfalt,
die sie investiert haben, um aus Rohstoffen etwas Nützliches oder Schönes
zu machen. Es schmerzt Johannes zu sehen, dass heute so viel vergeudet und weggeschmissen
wird, zum Beispiel Haushaltsgeräte oder Möbelstücke, nur weil
sie kleine Fehler haben. Johannes besucht oft den Müllsammelplatz des Dorfes,
in dem er lebt, weil er hier nützliche Dinge für seine Arbeit finden
kann.
Johannes setzt seine Fähigkeiten vor allem für die ein, die nicht
so geschickt oder auch gar nicht in der Lage sind, sich selbst zu helfen, weil
sie beispielsweise behindert oder blind sind. Viele dieser Menschen wären
nicht in der Lage, Johannes für seine Arbeit zu bezahlen. Namen und Adressen
erhält er vom Sozialamt seiner Gemeinde. Und so kann man ihn dann regelmäßig
auf seinem Fahrrad sehen, wie er beladen mit seiner Werkzeugkiste auf dem Weg
ist einen tropfenden Wasserhahn, ein beschädigtes Schloss oder einen defekten
Fernseher zu reparieren. Viele dieser Arbeiten erfordern all seine Kreativität,
wenn es darum geht, Teile zu ersetzen, die es nicht mehr gibt. Er besucht auch
regelmäßig das örtliche Kinderheim, das von einer caritativen
Organisation geleitet wird, wo er Puppenstuben herrichtet oder kaputtes Spielzeug
repariert.
Während wir beim Bier zusammensaßen, fragte ich Johannes, warum
er eigentlich das macht, was er macht. Er zögerte einen Moment, überlegte
und sagte dann: „Weil ich es einfach nicht nicht tun kann - so einfach
ist das. Selbst wenn jemand versuchen würde, mich davon abzubringen, ich
würde weitermachen, einfach weil ich nicht anders kann. Ich fühle,
dass mein ganzes Leben eine ständige Aufgabe ist, Dinge zu reparieren,
eine geistige und eine körperliche Aufgabe. Ich tue das, was ich liebe,
und gleichzeitig kann ich anderen damit helfen. Ich habe genug zu essen und
zu trinken und besitze eine Wohnung. Wenn es notwendig wäre, könnte
ich mehr Geld verdienen. Aber ich brauche nicht mehr, als ich habe. Das Geld
interessiert mich nicht besonders. Ich empfinde es als lohnender, anderen zu
helfen, indem ich meine Fähigkeiten einsetze. Die Menschen, denen ich helfe,
helfen mir durch ihre Zufriedenheit und Wertschätzung. Ich glaube, dass
jede einzelne Person wichtig ist und die Anstrengungen vieler einzelner Personen
die Welt verändern können - aber es fängt mit dem an, was ich
tun kann. Ich hoffe, dass durch die Dinge, die ich mache, ein erster Schritt
getan wird.“
Als ich mich von Johannes verabschiedete, fühlte ich mich ruhig und nachdenklich.
Ich musste nachdenken über das, was ich mit meinem Leben mache. Ich dachte
auch nach über die vielen anderen Menschen, die ähnlich wie Johannes
denken. Die Nähe solcher Menschen wärmt und wirkt ansteckend, den
eigenen Weg zu finden, um Gutes und Menschliches weiterzugeben.
Ron Hubner, Holland
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