Selbstbestimmt oder fremdbestimmt
Gedanken zum Gesamtkunstwerk Mensch
Von Roland Böhringer, Deutschland
Vor einigen Monaten trat ich abends gegen 23 Uhr auf die Straße,
um die Stimmung zu spüren: die Straßen waren leergefegt, keine Menschenseele
war zu sehen, es war gespenstisch und ziemlich depressiv.
Ich war im niederländischen Leiden zu einer Besprechung für das vorliegende
TOPAZ-Magazin. Natürlich hatte ich mitbekommen, dass an diesem Abend die
Holländer ihr Spiel in der Europameisterschaft gegen Portugal hatten.
Die Stimmung, die nun in der Luft lag, bedurfte keiner weiteren Worte. Der
Ausgang des Spiels war klar.
Auch am nächsten Tag spürte ich eine allgemeine melancholische Stimmung.
Dabei hätte ich mich über einen anderen Ausgang gefreut.
Dieses vorherrschende etwas depressive Grundgefühl, das wie eine diesige
Wolke in der Luft lag, besserte sich, als ich an die deutsche Grenze kam. Nun
ja, ich erinnerte mich. Wir hatten eine ähnliche Erfahrung im Spiel gegen
die Tschechen ja schon einige Tage vorher hinter uns gebracht...
Die Abläufe, die Muster in sportlichen Wettkämpfen sind dabei immer
die gleichen, egal wer verliert oder gewinnt. Das gleiche Denken, dieselben
Gefühle und Emotionen in Millionen von Köpfen können das Energiefeld
eines Erfolges oder Misserfolges verstärken. Denn was ein Mensch geistig
oder emotional produziert, hinterlässt für eine gewisse Zeit ein
unsichtbares Echo, eine Art Energiefeld, da Energie nicht zerstört, sondern
nur umgewandelt werden kann. Wenn wir so ein Energiefeld wahrnehmen, registrieren
wir das als angenehme oder unangenehme „Stimmung”. Wir kennen dies
vom Arbeitsplatz oder in der Familie, wenn die Dinge nicht so gut laufen und
die Atmosphäre für Tage angespannt ist. Wir kennen auch die Spannung,
die „in der Luft liegt”, wenn man einen Raum betritt, in dem sich
gerade Menschen sehr gestritten haben. Und plötzlich wird man selbst gereizt.
Wenn man sich mit einem Energiefeld unachtsam oder unreflektiert identifiziert,
ist der Tag in seinem Grunderleben fast vorherbestimmt.
Es geht mir hier nicht um Fußball. Wieder einmal ging mir die Frage
durch den Kopf, wie sehr ist mein Leben selbstbestimmt oder fremdbestimmt.
Wie sehr unterliegt mein Leben Einflüssen, die ich gar nicht möchte,
die ich vielleicht auch gar nicht kenne oder bewusst wahrnehme, weil ich mich
nicht dafür sensibilisiert habe. Wie kann man Selbstbestimmung im eigenen
Leben maximieren und welche Orientierungspunkte könnte es geben?
Ich bin der Überzeugung, dass das „Gesamtkunstwerk Mensch” aus
der Summe vieler Mosaiksteinchen entsteht.
Früher vermittelten in unserer westlichen Kultur Institutionen, Verbände,
Kirchen, Politik und öffentliche Moral Halt und Rahmen. Heute greifen
viele dieser traditionellen Koordinatensysteme nicht mehr richtig. Viele Menschen
suchen heute nach Alternativen, z.B. in östlichen Philosophien. Sie suchen
nach einer individuellen Ethik, was nicht unbedingt gleichbedeutend mit einem
egoistischen Freibrief sein muss.
Die oft zitierte Orientierungskrise unserer Zeit ist gleichzeitig auch eine
Orientierungschance, eine Möglichkeit, sich aus vorgefertigten Programmen
und Denkschablonen zu lösen, um zu einer „optimalen” Lebensgestaltung
zu kommen.
Sich selbst zu finden und neu zu definieren wird zunehmend gerade für
viele junge Menschen zu einer Art Lebensaufgabe. Das Projekt eines gelungenen
Lebens wird vielfach zu einem Patchwork aus neuen und alten Mustern, Templates.
Was sich heute bewährt, wird bewahrt, der Rest fliegt über Bord.
Kommen wir zurück zur Frage nach der Selbstbestimmung im Leben. Wie kann
ich mich dafür sensibilisieren? Dies kann kein in sich ein für alle
mal abgeschlossener Prozess sein, wenn er auf Tuchfühlung mit der Lebenswirklichkeit
sein will.
Selbstbestimmung ist eher ein ständiges Neu-Hinsehen, aufmerksam verfolgen,
Korrekturen auf dem Weg machen. Den Weg muss jeder für sich selbst festlegen!
Die Frage stellt sich: Wie können wir uns jeden Tag aufs Neue gut in
die Spur setzen? Wie können wir jeden Tag möglichst optimal, ethisch
und stimmig leben? Wie können wir so leben, dass wir nicht den Überblick
verlieren oder nach Jahren feststellen, dass wir von unserem Kurs abgekommen
sind? Wie können wir vermeiden, Zwängen oder Moden unserer Zeit aufzusitzen,
die uns Zeit, Geld oder Energie kosten?
Ein Weg, der für mich und viele Menschen im Template Netzwerk seit Jahren
funktioniert, ist eine Art meditativer Selbstbefragung, ein morgendliches Innehalten,
um Denken, Fühlen und die intuitiven Sinne einzuschalten. Dabei handelt
es sich um Fragen allgemeiner Art, die helfen können, sich und den Tag
nach jedem Erwachen neu zu begutachten, nahe am eigenen Kern zu bleiben und
Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens einzuplanen.
Regelmäßiges Innehalten ist ein guter und wirksamer Weg, den täglichen
Belastungen gestärkt und intakter zu begegnen, um so mehr aus unserem
persönlichen „Gesamtkunstwerk Mensch” zu machen.
Nehmen Sie aus dem Folgenden, was Ihnen zusagt, oder schneiden sie die Fragen
auf ihre Bedürfnisse zurecht.
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