TOPAZ 6. Ausgabe 2003
Willkommen
Electrobics - Begegnung mit dem unbekannten Selbst
Eine Electrobics-Übung zum Ausprobieren
Sensitiv Wahrnehmen
Eine CD für Kinder und Erwachsene: Rainbow Train
Interview über Erziehung
Aktuelle Aktivitäten des Deutschen Template Netzwerks
Menschlichkeit - Eine Geschichte
Die Vitamine der Farben

Sensitiv Wahrnehmen - Erfahre die Welt um dich herum und erkenne dich selbst

Von Josina Keuskamp - van Schaik

Was bedeutet die Inschrift “Gnoti Seauton”, “Erkenne dich selbst” auf dem berühmten Apollo-Tempel in Delphi? Ich denke, sie erinnert uns an den Grund, warum wir leben: Wir sollen herausfinden, was wir sind und was wir in dieser Welt machen sollen. Seit die Menschen angefangen haben zu denken, fragen sie sich: “Was bin ich?”, “Wer bin ich?”, “Warum bin ich hier?”, “Wohin gehe ich?”, “Gibt es irgendetwas Neues unter der Sonne?”, “Was ist dieser Planet, auf dem ich lebe?”, “Was ist eigentlich hier los?”. Diese Neugierde, dieser Wissensdurst, dieser angeborene Drang, uns selbst und unsere Umgebung kennenzulernen, treiben uns immer wieder an, Bücher zu lesen oder Menschen zu suchen, die uns vielleicht eine Antwort geben können. Dabei sind wir alle mit einer entscheidenden Erkenntnisquelle und einem Erkenntniswerkzeug schon auf die Welt gekommen: mit unserem Körper, seinen Sinnen und Fähigkeiten, mit denen wir ganz unmittelbar erleben können, was wir als Mensch sind oder vielleicht sein können und was sich hinter dieser großen Geschichte, dem Geheimnis des Lebens vielleicht noch verbirgt.

Sensitives Wahrnehmen ist die Kunst, die Welt um uns herum anders und tiefgründiger als im Alltag zu entdecken und dadurch in einem neuen Licht wahrzunehmen. Vom ersten Atemzug an versuchen wir Menschen, die Fülle der Eindrücke, die unser Körper aufnimmt, zu verstehen und zu interpretieren. Jeder kennt das staunende Baby, das mit großen Augen die Bewegung seiner eigenen Finger betrachtet oder hellwach den Kopf in die Richtung dreht, aus der ein Geräusch kommt – man spürt förmlich wie alle seine Sinne ausgefahren sind, um zu registrieren, was da vor sich geht. Man kann sagen, wir Menschen leben in einer hochkomplizierten und äußerst sensitiven Maschine, eben in unserem Körper. Mit seinen fünf Sinnen tastet er ständig die Welt um sich herum ab. Redensarten wie: „Steck deine Nase nicht da rein“ oder „jemanden gut riechen können“ machen dies deutlich. Ununterbrochen werden Signale aufgenommen und an uns weitervermittelt. Unsere Sinne und unser Gehirn leisten Außerordentliches, indem sie Farben, Bilder, Gerüche, Klänge, geschmackliche Eindrücke, die auf uns einströmen, für uns übersetzen und analysieren. Sensitive Wahrnehmung bedeutet, sich dieser Fähigkeiten bewusst zu sein und sie regelmäßig zu üben, um so die feineren Schwingungen des Lebens in uns und um uns herum besser zu registrieren, zu übersetzen und zu verstehen. Sensitive Wahrnehmung offenbart uns auch mehr über uns als Menschen und kann so unser Selbstverständnis in ein neues Licht rücken.

Vielfalt sensitiver Wahrnehmung

Unser Körper ist ein scharfsinniges, genaues, aufmerksames, analytisches Wunderwerk, ein Meisterdetektiv. Wenn wir einen Raum betreten, den wir nicht kennen, registriert etwas in uns in Sekundenbruchteilen seine Größe, Proportionen, Ausstattung und Atmosphäre. Der bewusste Teil von uns bekommt nur einen Bruchteil dieser Informationen mit, nämlich das, was ihm wichtig erscheint. Unser Körper jedoch nimmt Dinge effizienter und besser wahr als wir selbst. Ob wir auf seine Botschaften hören und sie interpretieren können, hängt davon ab, wie wir uns selbst instruiert haben, und ist Übungssache. Normalerweise sieht man nur das, was man ohnehin schon weiß.

Sensitives Wahrnehmen ist die Fähigkeit, das wahrzunehmen, was tatsächlich geschieht, und nicht, wie üblich, nur das im Blick zu haben, was unserer Meinung nach vor sich geht, wenn wir die Welt gewissermaßen durch eine farbige Brille sehen, die Brille unserer Erwartungshaltungen, Hoffnungen, Sehnsüchte und Frustrationen. Sensitives Wahrnehmen ist der Versuch, einen Zugang zu finden zum Kern, zum Inneren, zum Wesen der Dinge. Auf diesem Wege können wir die Eigenschaften, die Beschaffenheit von Bäumen, Pflanzen und Mineralien kennenlernen oder menschliche Verhaltensweisen besser verstehen. Kurz gesagt können wir so mit der Welt um uns herum besser und feinfühliger kommunizieren. Können wir den Unterschied wahrnehmen, in einer Gegend mit Lehmboden oder in einer Gegend mit felsigem Untergrund zu wohnen, im Tal oder im Gebirge zu leben? Spüren wir den Einfluss fließenden Wassers und die Auswirkungen der Erdmeridiane? Wie wirkt ein Kristall, den man in der Hand hält, oder ein Edelstein oder Ring am Finger?
Wenn man in der Lage ist, sensitiv wahrzunehmen, dann eröffnet sich allmählich ein neues Weltverständnis ohne persönliche Bewertung oder Beurteilung.

Sensitiv Wahrnehmen in der Natur

Hier einige Tipps, falls Sie sich demnächst auf den Weg machen, ihre Umgebung neu zu erkunden: Versuchen Sie als erstes verschiedene Einflüsse zu erspüren: Welche Pflanzen und Bäume wachsen hier? Wie ist der Ort in die Landschaft eingebettet? Aus welcher Erde besteht der Boden? Wie sind Wasser, Licht und Luft beschaffen? Ist die Atmosphäre geladen oder entspannt, beruhigend oder belebend? Weiß man von geschichtlichen Ereignissen, die sich hier zugetragen haben? Woher sind die Menschen gekommen, die hier leben?
Wenn wir unsere sensitiven Systeme der Informationsverarbeitung und -analyse richtig befragen, lernen wir Aspekte des Lebens zu verstehen, die uns sonst verborgen sind. Dann erfahren wir z.B., dass Hügel und Berge wie Radiosender elektromagnetische Signale ausstrahlen, während Ebenen und Täler wie Empfangsstationen eher Einflüsse absorbieren, aufnehmen und evtl. speichern. Das wirkt sich auch auf die Menschen aus, die dort wohnen. Stimmt es, dass Kamille in einer ruhigen und friedlichen Umgebung wächst, während Mohnblumen dort zu finden sind, wo einmal Blut vergossen wurde?
Viele Eichhörnchen können ein Zeichen dafür sein, dass besonders quirlige Energien präsent sind, welche die Aktivität fördern. Wo mehrere Platanen nebeneinander stehen, fällt es meist leicht, sich auszuruhen und auch über seine Zukunft nachzudenken. So gibt es Orte, die positiv auf Gemüt, Nerven oder Stimme wirken. Vielleicht versteht man auf einmal, warum Hunde den Mond anheulen, welche unterschiedliche Wirkung Kleidung aus Baumwolle oder Seide hat oder warum eine bestimmte Musik der Gesundheit zuträglich ist. Die Schulung sensitiver Wahrnehmung ist eine Entdeckungsreise. Wagen wir den ersten Schritt! Wagen wir das Abenteuer! Lassen wir unserem Entdeckerdrang freien Lauf! Werden wir wieder so richtig neugierig!

Ich unterhielt mich mit den Niederländern Ge und Lied Weber, Paul Keuskamp und Barry Wentzel, die bereits seit mehreren Jahren zusammen mit Freunden aus Deutschland, England und Dänemark die Kunst der sensitiven Wahrnehmung üben und weiterentwickeln. Sie organisieren Touren zu archäologischen Stätten, Museen, religiösen Stätten, militärischen Gedenkstätten, Burgen und Kathedralen, zu Orten also, an denen die menschliche Vita und Leidenschaft besondere Spuren für all jene hinterlassen hat, die sie zu lesen verstehen.

Barry Wentzel: Wenn ich sensitiv wahrnehmen will, bereite ich mich vor, um wirklich offen zu sein: Ich versuche mit neutralem Bewusstsein zu registrieren, was mich umgibt, und so die in mir aufsteigenden Gedanken, Assoziationen und Tagträumereien zu ignorieren, beiseite zu lassen. Ich gewinne so Distanz zu dem unkontrolliert zerstückelten Alltagsdenken, ein Zustand, den ich sehr schätze. Mit dieser inneren Voraussetzung kann ich mich auf die Dinge einstimmen, die ich studieren möchte. Wenn ich also durch die Natur gehe, möchte ich ein Teil von ihr werden und in Einklang mit ihr sein.

Auf dem Lande versuche ich festzustellen, wie die Landschaft sich anfühlt. Ich beobachte die vorherrschenden Farben und Formen, die Pflanzen und die Tierwelt, die geologischen Formationen usw. Sicher haben Sie schon einmal bemerkt, dass Vögel manchmal in einer eigenartigen kegelförmigen Formation ihre Kreise ziehen. Sie zeigen uns so, welche Energien gerade präsent sind. Vögel sind nämlich sehr empfänglich für elektromagnetische Einflüsse.

Paul Keuskamp: Durch sensitive Wahrnehmung entwickeln wir ein Feingefühl dafür, wie unser Körper unmittelbar auf äußere Eindrücke reagiert. Man sagt doch auch, der erste Eindruck ist zumeist der richtige. Unser Instinkt und unsere Intuition sind sehr wichtige Fähigkeiten, die bei uns oft nur schwach entwickelt sind. Eine Methode, Intuition zu entwickeln ist, sich an einen Ort wie z.B. den Eingang eines historischen Gebäudes zu setzen, wo über Jahrhunderte hinweg viele Leute ein- und ausgegangen sind. Sitzen Sie ruhig, abwartend und innerlich aufnahmebereit und versuchen Sie gleichzeitig, den ständigen Gedankenfluss im Gehirn zu beruhigen. Dann kann es sein, dass Sie feststellen, dass andere Gedanken oder Bilder in Ihnen auftauchen, die mit dem Alltagsgeschehen nichts zu tun haben, oder Sie spüren plötzlich, dass Sie etwas Bestimmtes tun wollen, zum Beispiel auf und ab gehen. Und später stellen Sie womöglich fest, dass an dem Platz, an dem Sie gesessen haben, in früheren Zeiten ein Wachposten war, wo die Wachen ständig auf und ab gegangen sind. Zufall? Es ist durchaus möglich, dass wir eine Art Schwingung aus früheren Zeiten spüren, vielleicht hat sogar ein besonders markantes Ereignis seine Spuren energetisch in Raum und Zeit hinterlassen. Besuchen wir deshalb nicht auch historische Orte, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie das Leben früherer Generationen aussah und sich anfühlte? Ein Geschichtsbuch kann das nicht vermitteln! Unser Körper kann viel mehr, wenn wir ihn und uns selbst nur lassen. Das ist meine Erfahrung.

Lied Weber: Als Kind beobachtet man ständig, welche Farbe ein Ding hat, wie groß es ist usw. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als kleines Kind neugierig auf alles in meiner Umgebung war. Und ich bin es immer noch mit meinen 74 Jahren. Ich habe mich ständig in meinem Leben gefragt, warum die Dinge so funktionieren, wie sie funktionieren. Ich habe auch schon immer Dinge gesehen oder gefühlt, die andere Leute nicht sehen konnten, wie zum Beispiel Farben. Darüber wollte ich dann mehr erfahren. Oder gelegentlich hatte ich das Gefühl, eine Art inneres Wissen, dass ich einen bestimmten Ort besser verlassen sollte. An anderen Plätzen wiederum spüre ich, dass eine besondere Kraft oder Präsenz anwesend ist. Das ist ein seltsames Gefühl und doch gleichzeitig sehr real. Wenn man seine Sensitivität schulen will, kann man sich die Frage stellen: Was ist die eigentliche Ursache von etwas? Warum ist etwas so, wie ich es vorfinde? Wenn man die Wirkung eines Platzes innerlich spürt, kann man auf Ursachen schließen. Je öfter man das macht, desto mehr scheint sich eine andere, eine feinfühligere Art der intuitiven Wahrnehmung einzuschalten. Ich glaube, dass ich heute eine bessere Vorahnung für bestimmte Dinge habe als früher.

Ge Weber: Es sind normalerweise unsere fünf Sinne, Hören, Sehen, Schmecken, Fühlen und Riechen, die uns sensitiv wahrnehmen lassen. Wenn man seine Aufmerksamkeit bewusst darauf richtet, welche Eindrücke diese Sinne empfangen, dann kann man seine Aufnahmefähigkeit um ein Vielfaches erhöhen. Aber es gibt auch eine Welt jenseits der fünf Sinne, und da kommen feinere Arten der Wahrnehmung ins Spiel. Zu unserer Außenwelt gehören zahlreiche ungesehene und ungefühlte Einflüsse, die jenseits unseres normalen Empfindens liegen. Viele Menschen wissen beispielsweise, dass es auf der Erde Meridiane gibt, und doch können sie bisher nicht mit Messgeräten nachgewiesen werden. Viele solcher Erscheinungen können wissenschaftlich nicht beobachtet werden, öffnen sich aber unserer eigenen Erfahrung. Wenn unsere Hände durch Übung empfindsamer werden, dann können sie z.B. Strahlung spüren, die man nicht sehen kann. Ich arbeite oft auch mit Ruten, die ich aus metallenen Kleiderbügeln herstelle, die ähnlich wie Wünschelruten funktionieren und auf elektromagnetische Energien reagieren. Wenn man lernt, sie zu benutzen, kann man mit ihnen Kraft- oder Energielinien wie Wasseradern und Erdmeridiane aufspüren. Es ist für mich äußerst faszinierend, die Beziehung zwischen Meridianen und den Standorten von Kirchen oder Kathedralen zu studieren und sich eigene Karten davon anzulegen.

Lied Weber: Man kann auch die Ausstrahlung von Tieren, Bäumen und Pflanzen erspüren. Im Frühjahr haben Bäume zum Beispiel ein riesiges Energiefeld über sich, das sich auflöst, sobald die ersten Blätter kommen.
Immer wieder veranstalten wir geführte Wahrnehmungs-Touren. Ein Ort, den wir häufig besuchen, ist die ägyptische Abteilung des Archäologischen Museums in Leiden. Sensibilisierungsübungen zu Beginn sollen z.B. die Hände der Teilnehmer feinfühliger zu machen. Dann erfühlen wir verschiedene Ausstellungsgegenstände, z.B. Statuen. Außerdem trainieren wir unsere Beobachtungsgabe, um neue Wege zu finden, diese alten Kulturen zu betrachten und zu verstehen. Wenn man seine Wahrnehmung nicht übt, dann bleiben die Statuen nichts als tote Steine ohne Bezug zu unserem Leben. Wenn man sich aber feineren Empfindungen öffnet, wird die Welt um ein Vielfaches interessanter, als sie es jetzt schon ist.

Ge Weber: Sensitive Wahrnehmung führt auch zu einer höheren Wertschätzung unseres menschlichen Lebens überhaupt. Wir lernen, nichts als selbstverständlich hinzunehmen, und das erlaubt uns mit frischem Schwung an die Dinge heranzugehen. Und je öfter wir üben, desto öfter erfahren wir, dass wir Menschen Teil einer höchst erstaunlichen Welt sind. Wenn Sie Abenteuer suchen, ist dies ein ganz besonderes! Man findet nicht immer eine Antwort, aber man dringt tiefer in die Geheimnisse ein, die in allem verborgen sind.

Copyright © 2001-2019 Topaz Verein, 57639 Udert/Rodenbach. Alle Rechte vorbehalten.