TOPAZ 6. Ausgabe 2003
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Electrobics - Begegnung mit dem unbekannten Selbst
Eine Electrobics-Übung zum Ausprobieren
Sensitiv Wahrnehmen
Eine CD für Kinder und Erwachsene: Rainbow Train
Interview über Erziehung
Aktuelle Aktivitäten des Deutschen Template Netzwerks
Menschlichkeit - Eine Geschichte
Die Vitamine der Farben

Menschlichkeit

Die meisten Menschen kämpfen in ihrem Leben dafür, das „größte Stück vom Kuchen” zu bekommen. Es gibt andere, die davon nichts wissen wollen. Die sich vielmehr für die „Rosinen im Kuchen” interessieren: Diese kleinen, aber kostbaren, feinen Momente im Leben. Kurze Momente, die in der Tiefe der Erinnerung verlorengehen, wenn wir nicht sehr genau auf sie achten. Manchmal begegnen uns Menschen, die uns durch ihr Denken, ihre Taten, ihre Außergewöhnlichkeit tief beeindrucken. Solche Begegnungen sind ein starker Kontrast zu den alltäglichen Berichten der Medien über Unfälle, Skandale, Verbrechen, Morde etc.

Topaz möchte an dieser Stelle über einen Mann, einen Held des Alltags, berichten, der sein ganzes Geschick und seine Erfindungsgabe dafür einsetzt, Mitmenschen zu helfen. Wahrscheinlich ist jeder einmal in seinem Leben Menschen begegnet, die ihn auf ungewöhnliche Weise berührt haben, vielleicht durch unerwartete Freundlichkeit, durch Mitgefühl oder durch große Menschlichkeit. Von einem solchen Menschen möchte ich jetzt erzählen, von Johannes van Heuvel, einem 73-jährigen Holländer, der im Westen der Niederlande wohnt.

Johannes ist ein tüchtiger und talentierter Handwerker mit geschickten Händen und einer gehörigen Portion Pragmatismus. Sein ganzes Leben lang hat er seine Begabungen in schlichter und einfacher Weise eingesetzt, und viele Menschen, die mit ihm in Berührung kamen, empfanden ihn und seine Taten als ein Geschenk. Das ist begründet in seiner Lebenseinstellung, in den Beweggründen für sein Handeln. Johannes steht auf dem Standpunkt, dass er mit seinen Fähigkeiten das Leben seiner Mitmenschen leichter machen, ihren Stress verringern kann, und darum stellte er schon früh in seinem Leben seine Talente in den Dienst seiner Mitmenschen.

Vor kurzem hatte ich das Glück, von ihm selbst seine Geschichte zu hören. Ich hatte Johannes schon ein paar Mal getroffen, nun ergab sich während einer geselligen Veranstaltung zum ersten Mal die Gelegenheit, miteinander zu reden. Ich war an die Bar gegangen, und während ich auf meine Bestellung wartete, drehte ich mich nach rechts um und sah Johannes, einen älteren Mann mit scharfen, leuchtenden Augen, einem schmalen, kantigen Gesicht, graubraunen Haaren und buschigen Augenbrauen. Er nickte mir freundlich zu. Als ich zurücknickte, bemerkte ich, dass die Brille, die er trug, repariert war. Das linke Glas war nah am Rahmen gebrochen und mit beachtlicher Sorgfalt und viel Geschick wieder zusammengefügt worden. Er sah meinen Blick und erklärte mir, dass er es zu schade gefunden hätte, die Brille wegzuwerfen, da der Rest ja nicht beschädigt war. Darum habe er sie repariert.

So kamen wir ins Gespräch, und im Laufe unserer Unterhaltung erfuhr ich ein wenig von seiner Lebensgeschichte. Johannes begann, über seine Liebe zur Handarbeit und über seine Fähigkeit zu erfinden und zu erschaffen zu sprechen. Schon als Sechsjähriger wusste er, dass er am liebsten Dinge herstellen wollte. Das hat er dann auch sein Leben lang erfolgreich getan. Jetzt wird er bald 74 Jahre alt. Seinen Lebensunterhalt hat er sich mit dem Entwerfen von Stühlen und anderen Haushaltsgegenständen verdient.

Johannes ist zweifellos ein findiger Mann: „Ich versuche, sparsam und ökonomisch mit dem umzugehen, was uns die Erde zur Verfügung stellt“. Er besitzt eine echte Hochachtung für die Reichtümer der Erde und für die Zeitspanne, die nötig war, diese entstehen zu lassen. So respektiert er auch die Arbeit, die sich Menschen gemacht haben, die Zeit und die Sorgfalt, die sie investiert haben, um aus Rohstoffen etwas Nützliches oder Schönes zu machen. Es schmerzt Johannes zu sehen, dass heute so viel vergeudet und weggeschmissen wird, zum Beispiel Haushaltsgeräte oder Möbelstücke, nur weil sie kleine Fehler haben. Johannes besucht oft den Müllsammelplatz des Dorfes, in dem er lebt, weil er hier nützliche Dinge für seine Arbeit finden kann.

Johannes setzt seine Fähigkeiten vor allem für die ein, die nicht so geschickt oder auch gar nicht in der Lage sind, sich selbst zu helfen, weil sie beispielsweise behindert oder blind sind. Viele dieser Menschen wären nicht in der Lage, Johannes für seine Arbeit zu bezahlen. Namen und Adressen erhält er vom Sozialamt seiner Gemeinde. Und so kann man ihn dann regelmäßig auf seinem Fahrrad sehen, wie er beladen mit seiner Werkzeugkiste auf dem Weg ist einen tropfenden Wasserhahn, ein beschädigtes Schloss oder einen defekten Fernseher zu reparieren. Viele dieser Arbeiten erfordern all seine Kreativität, wenn es darum geht, Teile zu ersetzen, die es nicht mehr gibt. Er besucht auch regelmäßig das örtliche Kinderheim, das von einer caritativen Organisation geleitet wird, wo er Puppenstuben herrichtet oder kaputtes Spielzeug repariert.

Während wir beim Bier zusammensaßen, fragte ich Johannes, warum er eigentlich das macht, was er macht. Er zögerte einen Moment, überlegte und sagte dann: „Weil ich es einfach nicht nicht tun kann - so einfach ist das. Selbst wenn jemand versuchen würde, mich davon abzubringen, ich würde weitermachen, einfach weil ich nicht anders kann. Ich fühle, dass mein ganzes Leben eine ständige Aufgabe ist, Dinge zu reparieren, eine geistige und eine körperliche Aufgabe. Ich tue das, was ich liebe, und gleichzeitig kann ich anderen damit helfen. Ich habe genug zu essen und zu trinken und besitze eine Wohnung. Wenn es notwendig wäre, könnte ich mehr Geld verdienen. Aber ich brauche nicht mehr, als ich habe. Das Geld interessiert mich nicht besonders. Ich empfinde es als lohnender, anderen zu helfen, indem ich meine Fähigkeiten einsetze. Die Menschen, denen ich helfe, helfen mir durch ihre Zufriedenheit und Wertschätzung. Ich glaube, dass jede einzelne Person wichtig ist und die Anstrengungen vieler einzelner Personen die Welt verändern können - aber es fängt mit dem an, was ich tun kann. Ich hoffe, dass durch die Dinge, die ich mache, ein erster Schritt getan wird.“

Als ich mich von Johannes verabschiedete, fühlte ich mich ruhig und nachdenklich. Ich musste nachdenken über das, was ich mit meinem Leben mache. Ich dachte auch nach über die vielen anderen Menschen, die ähnlich wie Johannes denken. Die Nähe solcher Menschen wärmt und wirkt ansteckend, den eigenen Weg zu finden, um Gutes und Menschliches weiterzugeben.

Ron Hubner, Holland

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