TOPAZ 9. Ausgabe 2004
Willkommen
Vorlieben und Abneigungen
Pioniergeist der Nordamerikanischen Template
Ausgewogene Ernährungsgewohnheiten
Von Kerlen, Männern, Ehrenmännern
Ehre zwischen Männern
Das XX- und das XY- Geschlecht
Erfolg! Endresultat oder 'Way of life'?
Erstaufführung der "Sinfonia del diletto"

Das XX- und das XY-Geschlecht: Das andere Geschlecht in neuem Licht

Ein Interview mit Mary Noble, England Von Monique Weber

Im vergangenen September nahm ich in Holland an einem Seminar mit Mary Noble über das XX- und das XY-Geschlecht teil. Das Seminar hatte vorher bereits in England und den USA stattgefunden und danach hat Mary auch in Deutschland, Dänemark und Italien mit Männern und Frauen gearbeitet, die sich für ihre neuen Einsichten interessierten.

Für Mary Noble, eine der Gründerinnen des weltweiten Frauen-Netzwerks “Feminenza” (siehe vorherige Topaz-Ausgaben), ist ein besseres Verständnis der Geschlechter schon seit langem ein brennendes Anliegen. Während des Seminars schaffte sie eine Atmosphäre, in der beide Geschlechter völlig entspannt gemeinsam eine neue Zusammenarbeit erforschen konnten.
Zu Beginn wurde erläutert, dass im Mann wie auch in der Frau drei Ebenen unterschieden werden können: männlich/weiblich, Mann/Frau, Herr/Dame. Diese drei Ebenen wurden in spontanen kleinen Theaterstücken verlebendigt und untersucht und dabei zeigte sich, dass sie sich in den Männern ganz anders ausdrücken als in den Frauen. In Marys Seminar gelang eine Zusammenarbeit von Männern und Frauen, wie ich sie selten erlebt habe und die mir sehr geholfen hat, mit dem anderen Geschlecht besser umzugehen

In deinen Seminaren sollen die besten Seiten beider Geschlechter entdeckt und gefördert werden. Warum eigentlich?

Es gibt sehr viele neue Einsichten über unterschiedliche Ziele und Bedürfnisse von Männern und Frauen und daraus resultierende Probleme. Es ist auch sehr interessant, wie sich dies von Land zu Land unterscheidet; natürlich gibt es auch viele Parallelen. Das erfahre ich in jedem Seminar wie eine Neu-Entdeckung und mir wird klar, welche Schlüsselposition unser Geschlecht in unserem Leben einnimmt. Die Leute sehnen sich nach einem besserem Verständnis und erfahren eine solche Heilung, wenn das Thema neu und frisch angegangen wird, ohne Vorurteile, Schuldzuweisungen oder vorgefertigte Meinungen, auf der einfachen Grundlage, sich gegenseitig helfen zu wollen und zu respektieren.

Die Öffentlichkeit beschäftigt sich im Moment stärker mit dem Thema Mann und Frau. So erscheinen viele Bücher zum Thema; ein größeres Verständnis scheint zu entstehen. Was denkst du darüber?

Ich denke, das ist ein natürlicher Entwicklungsprozess, den wir da sehen. Menschen akzeptieren einfach nicht mehr die Ansichten, die vor 20, 50 oder 100 Jahren herrschten: Das Verhältnis von Männern und Frauen ist ein entscheidender Faktor in der Entwicklung einer Gesellschaft. Eine der zentralen Fragen heute ist: Wie können Männer und Frauen gemeinsam eine bessere Zukunft bauen? In den Sechzigern gab es die Frauenbewegung und es gab eine Zeit, in der behauptet wurde, dass es gar keine Unterschiede zwischen Mann und Frau gebe. Ich denke, dass Menschen jetzt akzeptieren können, dass es ganz fundamentale Unterschiede gibt und dass niemand zu dem Standpunkt zurück will, dass das eine besser ist und das andere schlechter. Es entsteht ein neuer Blickwinkel, der fragt, warum es die Unterschiede gibt, was sie bedeuten und wie man sie nutzen kann.

Während meiner Reisen und Seminare bin ich mit einigen Dingen ziemlich hart konfrontiert worden, die in der Beziehung zwischen Mann und Frau ernsthaft aus dem Gleichgewicht geraten sind. In vielen Gesellschaften werden Frauen extrem unterdrückt, sie werden ausgebeutet und ihnen wird Gewalt angetan. Die Praxis, dass kleine Mädchen umgebracht werden, scheint im Moment eher um sich zu greifen, weil in vielen Teilen der Welt die Geburt einer Tochter als das größte Unglück angesehen wird, das einer Familie passieren kann. Traurigerweise will ein Großteil der Menschheit selbst in unserem 21. Jahrhundert immer noch nicht erkennen, dass Männer und Frauen zwei Ausdrucksformen Gottes hier auf unserem Planeten sind, beide wesentlich für die Weiterentwicklung der Schöpfung. Natürlich leiden auch Männer darunter - allein dadurch, dass durch ihre Ignoranz und Gewaltsamkeit ihre eigene Menschlichkeit auf der Strecke bleibt.

Es entwickelt sich so auch keine Spiritualität, die Mann und Frau gemeinsam leben können. Ich mache mir Sorgen, dass so viel unnötiger Schmerz in der Welt existiert, der durch feststehende Denkmuster verursacht wird, in denen die Geschlechter großgezogen werden und die die Art und Weise prägen, wie sie sich erfahren und miteinander umgehen. Viele dieser Muster sind Hunderte von Jahren alt und manche sind einfach dadurch entstanden, dass beide Geschlechter sich unfähig fühlen, mit den massiven Änderungen umzugehen, die derzeit in vielen Kulturen stattfinden. Männer in unserer westlichen Welt haben zum Beispiel Schwierigkeiten, den Begriff Mann neu zu definieren, z.B. im Hinblick auf Status oder ökonomische Situation einer Familie. Wenn wir uns die Scheidungsstatistiken anschauen und sehen, dass mittlerweile jede zweite Ehe wieder geschieden wird, müssen wir uns die Frage stellen, warum sich die Sehnsucht, dass sich zwischen Mann und Frau etwas Gutes, Positives aufbaut, nicht erfüllt. Was machen wir nicht richtig, was verstehen wir nicht? Wie können wir Missverständnisse, Vorurteile u.ä. überwinden um unser reiches Potential zu entfalten. Jemand hat einmal gesagt, dass der Kampf zwischen den Geschlechtern einer der größten Kriege der Weltgeschichte sei. Ich denke, es ist extrem wichtig, dass sich beide Geschlechter umdefinieren, wenn die menschliche Rasse auf diesem Planeten überleben möchte.

In welche Richtung sollte Deiner Meinung nach in den nächsten Jahren die Arbeit gehen?

Auf jeden Fall braucht es Offenheit füreinander. Ich habe zu viele Menschen getroffen, die aufgegeben haben, noch etwas zu verstehen. Frauen sagen dann: “Männer verstehen mich nicht, das ist so, und ich habe noch nie einen getroffen, der mich verstehen konnte.” Und die Männer: “Ich kann einfach nicht verstehen, was Frauen wollen, anscheinend mache ich immer alles falsch”. Deswegen denke ich, müssen wir uns öffnen dafür, dass da noch Neues entdeckt werden kann, das zu einem besseren Verständnis führt.

Damit kommen wir zur Feminenza-Arbeit mit den verschiedenen Ebenen in jedem Geschlecht (vgl. frühere Topaz-Ausgaben). Die Beziehung zwischen männlichem und dem weiblichem Leben sieht anders aus als die Beziehung zwischen dem Mann und der Frau, und der Herr und die Dame bauen wieder ein anderes Verhältnis zueinander auf. Wenn wir uns dieser verschiedenen Teile in uns bewusst werden, können wir verstehen, wie sie mit den entsprechenden Teilen im anderen Geschlecht kommunizieren. Hier öffnen sich völlig neue Einsichten und Möglichkeiten. Zum Beispiel: Das “männliche Leben” ist der Teil im Mann, der körperlich arbeitet, der rebelliert, impulsiv ist, seine Freiheit braucht und nicht unterdrückt sein will. Der “Mann” ist zu ernsten Beziehungen, zu einer Familie bereit und hat sein Leben im Griff. Der höhere Teil, der “Herr”, sucht, wenn er sich denn entwickelt, nach ganz anderen Dingen, in der Beziehung zum weiblichen Geschlecht z.B. gegenseitige Achtung und Respekt, die es Ihm nicht erlauben, unkontrolliert zu handeln.

Je mehr diese verschiedenen Leben aktiv sind und verstanden werden, desto mehr können sie untereinander im Dialog stehen. In den Seminaren beschäftigen wir uns immer wieder mit diesen drei Leben oder Ebenen und diese Arbeit rückt viele Dinge ins rechte Licht. Oft fragt man sich, warum man in einem Moment jemanden umarmen möchte und kurz danach in Ruhe gelassen werden will und seinen eigenen Raum braucht. Ganz einfach - verschiedene Leben haben verschiedene Bedürfnisse. Wir müssen diese verschiedenen Ebenen kennen lernen und verstehen, dann können wir sie respektieren, in uns und im anderen Geschlecht, dann brauchen wir uns nicht schlecht oder unverstanden zu fühlen.

Hast Du eine Vision oder Ideen, wie die Zukunft zwischen Männern und Frauen aussehen könnte?

Das ist eine schwierige Frage, weil der gegenwärtige Zustand uns alle stark konditioniert. Meiner Meinung nach ist es sehr wichtig, den gegenwärtigen Zustand ständig zu hinterfragen und niemals aufzuhören, an der Loslösung von diesen Konditionierungen zu arbeiten. Ich glaube, wir haben noch nicht einmal angefangen, die wahre Größe und Kraft, die in Männern und Frauen steckt, zu begreifen.

Meine Vision ist, dass die Menschheit sich dahin entwickelt, dass weltweit die Geburt eines Mädchens die gleiche Freude auslöst wie die Geburt eines Jungen.

Bei Interesse an Workshops zum Thema wenden Sie sich bitte an Feminenza unter: www.feminenza.de.

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