Identität und Lebensalter

von Josina van Schaik, Niederlande

Auf den folgenden Seiten finden Sie Interviews mit älteren Menschen aus verschiedenen Ländern Europas und aus Israel.

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Mia Schoon (69 Jahre), Niederlande

Im Nachhinein kann ich sehen, dass ich durch etwas wie eine Neugeburt gegangen bin. Am Anfang gab es viele Identitäten, die nicht ich waren. Dann kam das Gefühl, nicht länger an diesen Wichtigkeiten zu kleben, und das Gefühl von Befreiung in eine große, neue Freiheit. Es ist sicherlich das Resultat eines langen Prozesses, aber nun ist es plötzlich da. Etwas hat klick gemacht. Du bemerkst die Bewegung nicht; wenn du dann aber durch bist, fällt es dir auf. Plötzlich kommst du in einer vollkommen anderen Welt an, plötzlich bist du frei. Es ist das durchgehende Gefühl, in etwas Neuem zu sein, unglaublich frisch. Wie die ersten 12 Jahre meines Lebens, es ist neu, neu, neu. Die blühende Frische des Körpers ist gegangen, du musst gehen lassen, sogar Fertigkeiten, die nicht mehr benötigt werden, schwinden. Das Leben selbst ist die wahre Blüte. Im Alter zwischen 50 und 60 gab es das große Nachlassen, eine Zeit, da die Dinge schrumpften. Ich mochte das nicht. Möglichkeiten gingen verloren, die Kinder verließen das Haus, Beziehungen veränderten sich, alle Dinge, die mein Leben bis dahin ausgemacht hatten, fielen weg. Eine ziemlich schreckliche Erfahrung, weil ich nicht wusste, wohin das führen sollte. Jetzt denke ich: „Ich bin eine der Stammesältesten.“ Ist das vielleicht eine neue Identität? Die Optionen, die die Gesellschaft bietet, sind unwichtig. Ich fühle jetzt, dass ich etwas bin, dass ich eine Rolle zu spielen habe, ich fühle, dass das von Bedeutung ist, aber nicht im Sinne der Welt. Es ist jetzt in meinem Sinne bedeutsam, in der Würde dessen, wofür mein Leben steht, was ich selbst gewählt habe zu sein und zu tun.

Ulla Åkerstrøm (67 Jahre), Schweden

Ich sehe mich nicht als alten Menschen. Manchmal muss ich mir sagen: „Du bist nicht mehr jung.“ Da gibt es immer noch verschiedene Dinge, die ich tun oder verwirklichen möchte, z.B. Projekte, die schon seit vielen Jahren in meinem Kopf sind. Aber es gab so viele andere Dinge zu tun, in so vielen Identitäten, mein Beruf als Krankenschwester, die Kinder usw. Jetzt, wo ich mehr Zeit habe, will ich wenigstens einige meiner Träume und Visionen verwirklichen; z.B. ist die Arbeit des Heilens eine Aufgabe, die ich unbedingt angehen möchte. Körperlich ist offensichtlich etwas geschehen. Ich bin nicht mehr so stark und muss körperlich und geistig auf mich Acht geben. Im praktischen Leben müssen Dinge in Ordnung gebracht werden, Sachen müssen weggegeben werden, die nicht mehr wichtig sind, und nur das, was ich will, behalte ich. Im Umgang mit anderen Menschen kann ich Dinge viel einfacher durchschauen. Die Leute können dich nicht mehr so leicht manipulieren und für dumm verkaufen. Du bist direkter und konsequenter. Auf der anderen Seite bist du im Umgang mit einem schwierigen Menschen viel wärmer und fürsorglicher und versuchst nicht, ihn zu überzeugen oder zu verändern. Ich habe gelernt, dass du die Welt nicht verändern kannst, aber dich selbst.

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